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Die Zeit bis 55 v. Chr.

Theateraufführungen fanden in Rom nachweislich seit 364 v. Chr. im Rahmen öffentlicher Spiele statt. Diese Spiele (ludi) hatten stets einen religiösen Charakter: Daher wurden Theaterstücke immer in unmittelbarer Nähe eines Göttertempels gespielt.

Das Marcellustheaters in Rom, das 13 v. Chr. während der Regentschaft des Augustus vollendet wurde. Im 16. Jahrhundert wurden die Reste dieses Theaters in einen Renaissancebau integriert. Rechts daneben noch Säulen des Apollo-Sosianus-Tempels  


Komfort und Ausstattung römischer Theateranlagen waren bis in die Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christi Geburt sehr bescheiden. Es wurden lediglich provisorische Bauten aus Holz errichtet, die nach dem unmittelbaren Gebrauch sofort wieder entfernt wurden: ein Podium für die Schauspieler, Bänke für die Zuschauer. Manchmal errichtete man auch eine Tribüne. Für die Mitte des 2. Jahrhunderts ist sogar bezeugt, dass als Folge eines Senatsbeschluss nur ein Podium für die Schauspieler angelegt werden durfte: Das Publikum musste folglich stehen. Valerius Maximus, ein römischer Schriftsteller des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, liefert uns die Begründung für diese merkwürdigen Umstände: "Der Senat ließ ferner ein Verbot ergehen, wonach niemand in der Stadt ... Bänke aufstellen, und kein Zuschauer bei den öffentlichen Spielen sitzen durfte. Es lag hierbei die Absicht zu Grunde, auf Befehl zu stehen, neben der Erholung zu einer tugendhaften Haltung Veranlassung zu geben, und dadurch den Charakter des römischen Volkes anzuzeigen." Der Senat hatte also Angst, dass das Volk durch zuviel Erholung bei den öffentlichen Spielen verweichlicht wird: So lautet die allgemeine, offizielle Begründung. Schaut man aber hinter die Kulissen der obersten Regierungsinstanz, erkennt man schnell, dass diese drastische Maßnahme auch weitere, tiefere Hintergründe hatte: Die Mehrheit der Senatoren stand nämlich insbesondere dem Theaterwesen sehr kritisch gegenüber und versuchte zu erreichen, dass es sich entweder gar nicht oder zumindest nur schwerlich in Rom etablieren konnte. Einerseits missbilligten sie die vielen obszönen und anstößigen Inhalte der Theaterstücke, die vor allem für den Mimus und die Atellane charakteristisch sind. Andererseits gefiel ihnen das Bühnenspiel auch deswegen nicht, weil es im wesentlichen eine griechische Erfindung war. Die Römer hatten ja das Theaterspiel von ihren östlichen Nachbarn kennengelernt und es schließlich mit all seinen fremden und ausländischen, d. h. griechischen Elementen, übernommen. Das Theater war allerdings nicht das einzige Importprodukt aus Griechenland zu jener Zeit: Hellenistische Kultur drang seit den großen römischen Eroberungsfeldzügen im dritten vorchristlichen Jahrhundert verstärkt nach Mittelitalien an den Tiber. Einerseits wimmelte es in Rom von griechischen Philosophen, Redelehrern und sonstigen Künstlern, unter ihnen auch Schauspieler und Theaterdichter. Andererseits sahen immer mehr römische Bürger den Luxus griechischer Städte, ließen sich von ihren prächtigen Bauten beeindrucken, natürlich auch von ihren üppig ausgestatteten Theatern, und sehnten sich danach, diesen Bauluxus in Rom zu reproduzieren. Das alles konnte besonders den Hardlinern in der aristokratischen Führungsschicht Roms nicht gefallen, entsprachen doch griechische Lebensweise und Moralvorstellungen ganz und gar nicht ihren eigenen Idealen und Tugenden, mit denen sie ihre Stadt zur Weltmacht und sich zu den mächtigsten Männer der Welt gemacht hatten: Disziplin, Gehorsamkeit, Enthaltsamkeit, kurz gesagt: Tugenden, die die Machtbasis der römischen Aristokratie bildeten, waren nicht Bestandteil der griechischen Kultur, die nun Rom zu überfluten drohte. Als der griechische Einfluss schließlich kontinuierlich stärker wurde, reagierte man in weiten Teilen des Senat sogar allergisch und gereizt auf alles, was aus Griechenland kam: einige der führenden Männer Roms sahen ihre eigene Machtbasis wackeln, sahen, wie Moral und Disziplin ihres eigenen Volkes durch griechisches Wesensgut untergraben werden, und befürchteten vielleicht sogar den Aufstand des kleinen Mannes und den Sturz ihrer Oligarchie. War Griechenland nicht die Geburtsstätte einer merkwürdigen Regierungsform, der Demokratie? Und alle diese Gefahren durch den Kulturimport eines Landes, das man militärisch vollständig unterworfen hatte! Nun wird verständlich, warum man das Theaterwesen von oberster Regierungsebene eher behindern als fördern wollte: Die vielen anstößigen und obszönen Inhalte der Bühnenwerke, die das Volk verderben konnten, außerdem die Tatsache, dass das römische Theater eine Kopie des griechischen Theaters war und somit Bühnenstücke griechisches Gedankengut und griechische Moral in Rom verbreiteten, alles das bereitete den höchsten Regierungsmitgliedern große Kopfschmerzen. Was Ovid in seinem Werk Ars Amatoria über das Theater eher scherzhaft meinte, behauptete ein großer Teil der Senatoren mit voller Ernsthaftigkeit und Besorgnis: Ille locus casti damna pudoris habet ("Dieser Ort (gemeint ist das Theater) bereitet dem sittlichen Anstand Schaden"). 
Und ein steinerner, permanenter Theaterbau in Rom? Undenkbar für die aristokratischen Hardliner: Das wäre ja gefährlicher griechischer Luxus mitten in Rom, wo man sonst von ihrer Seite aus nur Wasser und Brot, sprich: Enthaltsamkeit, predigte!

Auch das Theater in Ostia an der Tibermündung, dessen Tribüne hier zu sehen ist, entstand in der augusteischen Epoche wie das Marcellustheater (Bild oben). Es hatte Platz für rund 3000 Zuschauer. 

Dennoch gab es auch viele Leute in der römischen Elite, vor allem aber in allen anderen römischen Bevölkerungskreisen, die die griechische Kultur nahezu fanatisch bewunderten und unterstützten. Daher war das Fortbestehen der aus Griechenland kommenden Theaterkultur in Rom eigentlich nie ernstlich in Frage gestellt. Das zeigt auch das Faktum, dass die Zahl der Festspieltage, an denen Theaterstücke aufgeführt wurden, ständig zunahm und es schließlich in der zweiten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts jährlich 50 solcher Bühnenspieltage gab. Nur einen permanten Theaterbau aus Stein konnte die Mehrheit der aristokratischen Führungselite lange Zeit verhindern. Als diese Herren aber schon fast entmachtet waren, mussten sie auch in diesem Punkte ihren Widerstand aufgeben: 55 v. Chr ließ Pompeius den ersten steinernen Bühnenbau, das nach ihm benannte Pompeiustheater, in unmittelbarer Nähe des Tibers errichten, wenige Jahre bevor sein Triumviratskollege Caesar der Senatsherrschaft in Rom den endgültigen Garaus machte.
 


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  © Andreas Reuter