Das Satyricon, oder besser gesagt: die Satyrica des römischen Schriftstellers Petron sind eigentlich kein Theaterstück, sondern ein Roman. Einige Szenen daraus lassen sich jedoch ohne größere Schwierigkeiten in ein kleines Theaterstück umwandeln, ohne dass man aus eigener Hand viel ergänzen müsste. Die Hauptfigur des Romans ist Encolpios, ein junger, ungenierter und gebildeter Mann, der von seinen ungeheuerlichen und nicht selten amourösen Abenteuern mit seinen Freunden Giton und Ascyltos in Unteritalien berichtet. Als Petron in der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhundert die Satyrica schrieb, zeichnete er dabei ein überspitztes Bild seiner entmoralisierten Gesellschaft.

Encolpios (Annekathrin Sitte) und Ascyltos (Andreas Reuter)

  

Encolpios, Ascyltos und Trimalchio (Lars Saalow) genießen Falernerwein. Rechts Fortunata (Yvonne Klüser), Trimalchios Frau.

Besonders das üppige Festmahl beim Multimilliardär und Großkotz Trimalchio hat aufgrund seiner grotesken und absurden Formen schon immer reges Interesse gefunden: Purer Materialismus, flache Bildung, Opportunismus und niedrigste Moral finden sich hier in  höchster Vollendung. Diese Szene bildet die Grundlage unserer Satyricon-Inszenierung. Dazu gesellen sich u. a. noch die Passage über den Sinn der Beredsamkeit und das Testament des Hochstaplers, die ohne auffälligen Übergang am Anfang und Ende der Gastmahl-Szene eingearbeitet sind. 
 
Ein paar Worte zum Handlungsverlauf unserer Satyricon-Inszenierung: Ascyltos trägt gerade eine Redeübung vor, als Encolpios erscheint, ihn unterbricht und in einem langen Monolog die Rednerschulen kritisiert. Dabei wird er von Agamemnon, einem Redelehrer, belauscht, der schließlich in einer Gegenrede die Rednerschulen verteidigt. 
Nachdem der Redelehrer verschwunden ist, erzählt Ascyltos ein wenig von seinen gestrigen sexuellen Abenteuern, Encolpios andererseits berichtet von einem opulentem Leichenschmaus, bei dem er sich den Magen verdorben hat. Plötzlich tritt ein Sklave des Trimalchio auf und lädt die beiden zu einem Festmahl bei seinem Herrn und Gebieter ein. "Wer ist denn Trimalchio?", fragt Encolpios. "Was? Du kennst Trimalchio, den steinreichen Trimalchio nicht? Mensch, den kennt doch jeder!", antwortet Ascyltos und fügt eine bis ins kleinste Detail gehende, langatmige Beschreibung vom unermesslichen Reichtum und der unerreichbaren Genialität dieses Mannes hinzu.

Der Redelehrer (Georg Rommel) im Hintergrund, vorne Encolpios und Ascyltos

Ascyltos berichtet von seinen sexuellen Strapazen, die er mit einem ekelhaften "warmen Bruder" hatte.

  

Trimalchio hält einen Vortrag

Schließlich erscheinen beide beim Festmahl. Zuerst erblicken sie Fortunata, Trimalchios Frau. Kurz darauf erscheint auch Trimalchio, der zur Begrüßung sich lange über seine Magen- und Stuhlgangprobleme auslässt. Nachdem köstlichster Wein aufgetragen wurde, preist der Hausherr seinen unermesslichen Reichtum und Grundbesitz, der nun fast ganz Süditalien umfasst.. Plötzlich verliest ein Sklave den Tagesbericht. Dieser Bericht findet allerdings ein abruptes Ende: Ein bis dahin nicht bekannt gegebener Grundstückskauf erzürnt Trimalchio dermaßen, dass er den Tagesberichtssklaven am liebsten degradieren und in die Abteilung Botenläufer versetzen möchte. Der Sklave bittet um Gnade und wirft sich zu Boden. Dabei fällt er nicht nur vor, sondern auch auf die Füße Trimalchios und verletzt seinen Herrn. Alle Bankettteilnehmer fordern eine harte Strafe. Doch Trimalchio lässt ihn frei: "Niemand soll sagen können, dass ein so hoher Herr wie ich von einem Sklave verletzt wurde!", so lautet seine Begründung. Banalitäten und Skurrilitäten reihen sich nun ununterbrochen aneinander und gipfeln schließlich im Hauptgericht, der Verspeisung einer Leiche. Der Verstorbene hatte nämlich verfügt, nur der dürfe erben, wer von seinem Leib speise. 

Fortunata sagt dem entrüsteten Trimalchio 
ganz gehörig die Meinung.

Eine gute Beschreibung unserer Inszenierung bietet auch der Zeitungsartikel "Absurdes Theater", der in der Rheinischen Post am 5. Juni 2000 erschienen ist. Dort schreibt Saje Asgari: "Verdauungsprobleme, der Sinn einer Rednerschule und der Besuch einer Taverne - die Gesprächsthemen der Römer Encolpios und Ascyltos strotzen vor Banalität. Da kommt das Festmahl des ehemaligen Sklaven Trimalchio gerade recht, um sich mit noch unwichtigeren Themen zu beschäftigen. ... Der zu einer Komödie umgeschriebene Roman von Petron hatte in der Interpretation des Ensembles sowohl die absurden Züge des Python-Films "Das Leben des Brian", als auch die Banalität von Warhols "Putzen auf Amerikanisch".

Als Trimalchio, der als Universalerbe seines Herrn unermesslich reich geworden ist, leise über seinen Sklaven schimpft, brüllen seine Lakaien sofort los "Kreuzigen, kreuzigen". Oder als seine Frau Fortunata - aus der Lethargie des Nägelfeilens gerissen - unangemessen hysterisch aufspringt, nur weil sie tanzen soll. ... Der Reiz des Stückes liegt in der konzentrierten Absurdität. Jedes Element für sich, wie die vorauseilenden Bravo-Rufe, wenn Trimalchio nur atmet, sind vielleicht etwas überspitzt, aber durchaus realistisch. ... Nur der Schluss schockierte den ein oder anderen Zuschauer: Da wurde eine "Leiche" - ein großer Sack - auf die Bühne gehoben und das Testament des Verstorbenen verlesen. Das hielt fest, dass man nur etwas erbt, wenn man vom Leib des Verstorbenen isst. Kurzer Abgang der Schauspieler, um in der Schlussszene - sich mit Servietten den Mund wischend - wieder aufzutreten. Ein skurriler Schluss für ein skurriles Stück."

"Ja, mein Sohn ist gebildet: Er kann schon durch vier dividieren!


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© Andreas Reuter